Die Hoffnungen auf eine baldige Erleichterung der geldpolitischen Zügel in der Türkei haben einen spürbaren Dämpfer erhalten. Die Deutsche Bank hat ihre wirtschaftlichen Prognosen für das Land angesichts der angespannten weltweiten Lage grundlegend überarbeitet und stellt Marktteilnehmer auf eine lange Phase hoher Zinsen ein. Wie die türkische Wirtschaftszeitung Ekonomim unter Berufung auf eine aktuelle Analyse des Geldinstituts berichtet, veranlassen die zunehmenden globalen Spannungen und stark kletternde Rohstoffpreise die Experten zu einer deutlichen Korrektur. Nach der jüngsten Entscheidung der türkischen Zentralbank TCMB, den Leitzins unverändert zu belassen, bewertet der federführende Ökonom Yigit Onay die Aussichten spürbar verhaltener.
Rohstoffschock belastet Preisentwicklung: Inflationsziele nach oben korrigiert
Als wesentliche Kurstreiber der Teuerung identifiziert das Analystenteam vor allem die dynamischen Preisentwicklungen auf den internationalen Energiemärkten. Nach Berechnungen der Experten belastet allein der jüngste Preisanstieg beim Brent-Öl von über 35 Prozent zusammen mit Steueranpassungen bei Kraftstoffen die türkische Inflationsrate mit zusätzlich rund 1,5 Prozentpunkten. Darüber hinaus sorgen ein Anstieg der europäischen Erdgaspreise um mehr als 50 Prozent sowie kletternde Notierungen bei Agrarrohstoffen für erheblichen Gegenwind auf dem angestrebten Entlastungspfad. Die Bank hat ihre Makroprognosen daher angepasst: Die Inflationserwartung für das Jahresende klettert von bisher 28,5 Prozent auf nun 30 Prozent, während die Erwartung für den Leitzins zum Jahresultimo von 35 auf 36 Prozent angehoben wurde. Der Ökonom führte bezüglich des zeitlichen Ablaufs aus: „Eine schrittweise Absenkung der effektiven Finanzierungskosten von derzeit 40 Prozent auf das Leitzinsniveau ist frühestens im September zu erwarten, während tatsächliche Zinssenkungen wohl erst im Schlussquartal des Jahres realistisch werden.“
Worst-Case-Szenario: Düstere Aussichten für Kreditnehmer bis 2027
Besonders drastisch fällt die Warnung des Geldinstituts für den Fall einer weiteren Verschärfung der Rahmenbedingungen aus. Sollte der Rohölpreis dauerhaft über der Marke von 100 US-Dollar je Barrel verharren und zeitgleich staatliche Entlastungsmaßnahmen bei den Kraftstoffsteuern auslaufen, droht eine spürbare Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits. In einem solchen Krisenszenario wäre die Notenbank gezwungen, ihren straffen Kurs weit länger durchzuziehen als bislang angenommen. Yigit Onay zeichnet für diese Entwicklung ein deutliches Bild: „Sollte sich der externe Preisdruck weiter verschärfen, könnte sich die erste Zinssenkung im Extremfall bis ins Jahr 2027 verschieben und eine Aufweichung der Geldpolitik in unbestimmte Ferne rücken.“ Ein Positivszenario bleibt jedoch bestehen: Sollten sich geopolitische Krisen rasch beruhigen oder die Regierung mit gezielten Subventionen gegensteuern, könnte die Dämpfung der Preisentwicklung schneller voranschreiten und den Weg für frühzeitige Zinsschritte ebnen.
