Türkei vor historischer Mondmission: Eigenes Raumfahrzeug soll 2027 zum Mond starten
Die Türkei steht vor einem der ambitioniertesten Technologieprojekte ihrer Geschichte. Im Rahmen ihres nationalen Raumfahrtprogramms will das Land Anfang 2027 erstmals ein weitgehend selbst entwickeltes Raumfahrzeug zum Mond schicken. Die Produktion, Montage und Integration des rund 3,5 Tonnen schweren Mondfahrzeugs sind inzwischen abgeschlossen. Als nächster großer Schritt stehen umfangreiche Tests unter Bedingungen an, wie sie beim Raketenstart und später im Weltraum auftreten werden.
Das Projekt trägt die Bezeichnung AYAP-1 und bildet die erste Phase des türkischen Mondforschungsprogramms „Ay Araştırma Programı“. Verantwortlich für Entwicklung und Bau des Raumfahrzeugs ist maßgeblich das türkische Forschungsinstitut TÜBİTAK UZAY. Nach Angaben von Industrie- und Technologieminister Mehmet Fatih Kacır liegt der Anteil heimischer Technologie bei mehr als 80 Prozent.
Rund zwei Monate bis zum Mond
Der inzwischen konkretisierte Missionsplan zeigt, dass es sich bei AYAP-1 um deutlich mehr als einen symbolischen Vorbeiflug am Mond handelt. Nach dem für die ersten Monate 2027 geplanten Start soll das Raumfahrzeug etwa zwei Monate unterwegs sein, bevor es eine kreisförmige polare Umlaufbahn in rund 100 Kilometern Höhe über der Mondoberfläche erreicht.
Dort soll AYAP-1 zunächst mindestens drei Monate wissenschaftliche Untersuchungen durchführen. Bei entsprechend guter Funktion des Raumfahrzeugs könnte die Missionsdauer sogar auf bis zu eineinhalb Jahre ausgedehnt werden.
Der geplante Startplatz ist ebenfalls bemerkenswert: Nach Abschluss sämtlicher Tests und finaler Kontrollen soll das türkische Mondfahrzeug zum Kennedy Space Center in den USA transportiert werden. Von dort aus soll es – sofern Wetter, Startplatz und Bahnbedingungen dies zulassen – Anfang 2027 seine Reise antreten.

Türkei will neuntes Land mit eigener Mondmission werden
Mit AYAP-1 verfolgt Ankara ein ausgesprochen ehrgeiziges Ziel. Nach Angaben von Kacır möchte die Türkei das neunte Land werden, das eine Mondmission erfolgreich durchführt. Das Vorhaben gehört zu den technologisch anspruchsvollsten Bestandteilen des 2021 vorgestellten Nationalen Raumfahrtprogramms der Türkei.
Die Mission soll gleichzeitig demonstrieren, wie stark sich die türkische Raumfahrtindustrie in den vergangenen Jahren technologisch weiterentwickelt hat. Einige zentrale Systeme des neuen Mondfahrzeugs basieren auf Erfahrungen aus früheren türkischen Satellitenprojekten wie İMECE und Türksat 6A. Dazu zählen unter anderem Technologien für Flugcomputer, Kommunikation, Energieversorgung, thermische Kontrolle und Orbitoperationen.
Zahlreiche weitere Komponenten werden ebenfalls in der Türkei entwickelt. Dazu gehören unter anderem Steuerungssysteme, Energieverteilung, Solarpaneele, Kommunikationstechnik, Reaktionsräder, Trägheitsmesseinheiten und Strukturkomponenten des Raumfahrzeugs. Selbst spezielle mehrlagige Isolationsmaterialien für den Einsatz im Weltraum werden im Land entwickelt.
Was AYAP-1 auf dem Mond untersuchen soll
Der wissenschaftliche Teil der Mission ist umfangreich. AYAP-1 soll unter anderem untersuchen, wie der Sonnenwind mit der Mondoberfläche interagiert. Zudem wollen türkische Wissenschaftler Erkenntnisse über die Entstehungsmechanismen von Wasser auf dem Mond gewinnen.
Weitere Forschungsziele betreffen lokale Magnetfelder, die thermischen Eigenschaften der Mondoberfläche sowie die dort herrschende Strahlungsumgebung. Dafür soll das Raumfahrzeug mehrere in der Türkei entwickelte wissenschaftliche Instrumente einsetzen.
Besonders interessant ist die Suche nach Wasser und dessen Entstehungs- beziehungsweise Transportmechanismen. TÜBİTAK UZAY erklärte im Juni 2026 sogar, dass die Mission mit ihren Untersuchungen möglicher Wasservorkommen das Potenzial habe, zu einem weltweit neuartigen Beobachtungsprojekt des lunaren Wasserkreislaufs zu werden.
Türkischer Hybridantrieb ist Schlüsseltechnologie der Mission
Eine der technologisch interessantesten Komponenten von AYAP-1 ist das von DeltaV entwickelte nationale Hybridantriebssystem. Anders als bei einem klassischen Satelliten soll dieses System nicht nur kleinere Korrekturen durchführen, sondern bei entscheidenden Manövern der Mission eingesetzt werden.
Hybridantriebe kombinieren Eigenschaften fester und flüssiger Treibstoffsysteme. Das für AYAP-1 entwickelte System wurde bereits umfangreichen Bodentests unterzogen. Ein Systemzündungstest war bereits 2022 erfolgreich durchgeführt worden.
Nach dem Start soll der Antrieb unter anderem bei Manövern zur Veränderung beziehungsweise Anhebung der Umlaufbahn eingesetzt werden. Noch spektakulärer wird jedoch das geplante Ende der wissenschaftlichen Mission.

AYAP-1 soll am Ende auf die Mondoberfläche treffen
Denn die erste türkische Mondmission endet nach derzeitiger Planung nicht einfach im Orbit. Nach Abschluss der wissenschaftlichen Beobachtungen soll AYAP-1 seine Umlaufbahn kontrolliert verlassen und auf die Mondoberfläche gebracht werden.
Dabei kommt erneut das türkische Hybridantriebssystem zum Einsatz. Die erste Mission sieht ausdrücklich keine weiche Landung vor. Stattdessen soll das Raumfahrzeug kontrolliert bis zum Kontakt mit der Oberfläche geführt werden. Damit würde die Türkei erstmals unmittelbar die Oberfläche eines anderen Himmelskörpers erreichen.
Dieser Punkt ist zugleich entscheidend für die langfristige Strategie: AYAP-1 ist lediglich die erste Stufe des türkischen Mondprogramms.
Danach soll eine weiche Mondlandung folgen
Die zweite Phase ist technologisch noch anspruchsvoller. Nach den Planungen von TÜBİTAK soll eine spätere Mission ein Raumfahrzeug entwickeln, das nicht nur den Mond erreicht, sondern kontrolliert weich auf seiner Oberfläche landet. Langfristig soll dafür zudem eine national entwickelte Trägerrakete eingesetzt werden.
AYAP-1 dient damit gleichzeitig als Forschungsmission und technologischer Wegbereiter. Navigation im tiefen Weltraum, Kommunikation über Hunderttausende Kilometer, Energieversorgung, thermische Kontrolle, autonome Flugsteuerung und Antriebssysteme können unter realen Bedingungen erprobt werden.
Jetzt kommen die Härtetests
Bevor AYAP-1 überhaupt Richtung USA transportiert werden kann, wartet allerdings eine entscheidende Testphase. Das fertig integrierte Raumfahrzeug wird dafür zum Space Systems Integration and Test Center USET bei TUSAŞ gebracht.
Dort sollen unter anderem thermische Vakuumtests die extremen Bedingungen des Weltraums simulieren. Strukturtests prüfen die Belastbarkeit während des Starts, während Tests zur elektromagnetischen Verträglichkeit sicherstellen sollen, dass die zahlreichen elektronischen Systeme des Raumfahrzeugs störungsfrei miteinander funktionieren.
Anschließend soll AYAP-1 für abschließende Kontrollen in die neue Reinraum- und Integrationsanlage von TÜBİTAK UZAY auf dem Campus der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara gebracht werden. Erst danach folgt der Transport zum Kennedy Space Center.
Damit wird 2027 für die türkische Raumfahrt zu einem Schlüsseljahr. Nach dem Aufbau eigener Satellitenkompetenzen und der ersten bemannten türkischen Wissenschaftsmission soll AYAP-1 den nächsten großen Technologiesprung markieren: Erstmals soll ein in der Türkei entwickeltes Raumfahrzeug die unmittelbare Umgebung der Erde verlassen, den Mond erreichen, ihn wissenschaftlich untersuchen und schließlich Kontakt mit seiner Oberfläche herstellen.
Gelingt die Mission wie geplant, wäre sie nicht nur ein Prestigeerfolg. Die Türkei würde damit Technologien unter realen Bedingungen erproben, die für wesentlich anspruchsvollere Missionen im tiefen Weltraum benötigt werden – und gleichzeitig die Grundlage für ihr nächstes großes Ziel schaffen: eine kontrollierte weiche Landung auf dem Mond.
