Die Hoffnung auf rasche Erleichterungen bei den Finanzierungskosten im Land erhält einen spürbaren Dämpfer von internationaler Seite. Die US-Investmentbank Morgan Stanley rechnet mit einer deutlichen Verzögerung der lang erwarteten Zinswende in der Türkei. In einer aktuellen Analyse warnen die Ökonomen der Bank vor den geopolitischen Verwerfungen in der Region und verweisen auf den anhaltenden Druck auf die Verbraucherpreise. Wie das Finanzportal Bloomberg berichtet, schätzen die Experten die Lage aufgrund der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten neu ein. „Die neu entflammten militärischen Spannungen im Nahen Osten und der damit einhergehende Anstieg der Ölpreise werden den Kampf gegen die Inflation massiv erschweren“, erklärten die Volkswirte in ihrer Stellungnahme. Aus diesem Grund geht das Finanzinstitut davon aus, dass die erste Lockerung der Geldpolitik voraussichtlich nicht vor dem vierten Quartal erfolgen wird.
Notenbank-Prognosen unter Druck: Nur noch geringe Zinsschritte erwartet
Anders als von den Entscheidungsträgern der türkischen Zentralbank erhofft, wird sich die Teuerung aus Sicht der Analysten deutlich hartnäckiger halten als bislang angenommen. Das Expertenteam um die Ökonomen Andrea Masia und Georgi Deyanov prognostiziert, dass der Leitzins bis zum Jahresende lediglich auf 35 Prozent gesenkt werden kann. Gleichzeitig betonen sie unmissverständlich, dass die verbleibenden Risiken klar in Richtung einer noch späteren Lockerung tendieren. In ihrem Bericht stufen die Fachleute die Türkei neben Südafrika, Ägypten und Israel als eines der CEEMEA-Länder ein, die am stärksten unter den aktuellen geopolitischen Verwerfungen und der enormen Volatilität der Energiepreise leiden, da steigende Importkosten die mühsam erreichten Fortschritte auf dem angestrebten Desinflationspfad untergraben.
Warnung vor Zinsentscheid: Selbst erneute Anhebung nicht ausgeschlossen
Besonders brisant ist die Einschätzung unmittelbar vor der morgigen Sitzung des geldpolitischen Rates der Währungshüter. Sollte der Druck auf die Währung durch teure Rohstoffe weiter zunehmen, die internationale Risikobereitschaft spürbar sinken oder die Binnennachfrage unerwartet robust bleiben, wäre nicht nur der Startschuss für Zinssenkungen akut gefährdet. In einem solchen Belastungsszenario halten die Experten von Morgan Stanley sogar eine erneute Straffung der Geldpolitik für denkbar. Damit die Notenbank die Zügel früher oder aggressiver lockern kann, müssten aus Sicht der Großbank mehrere strikte Faktoren zusammenkommen. Gefordert werden eine beschleunigte Abkühlung der monatlichen Kerninflation, eine vollständige Stabilisierung des Lira-Wechselkurses sowie eine deutlich stärkere konjunkturelle Abkühlung. Nur beim Eintreffen dieser Bedingungen verfügt die Führung über ausreichend Spielraum für einen nachhaltigen Zinssenkungszyklus.
