Nach den verheerenden Überschwemmungen in der Türkei, die mindestens fünf Menschenleben forderten und bei denen weiterhin drei Personen vermisst werden, droht der Millionenmetropole Istanbul eine neue, schleichende Katastrophe. Nach Erhebungen der staatlichen Meteorologie-Behörde MGM erlebte die Metropole am Bosporus die schwersten Regenfälle seit 84 Jahren. Während die Katastrophenschutzämter weiterhin Unwetterwarnungen für den gesamten Nordwesten des Landes aufrechterhalten, schlagen Gesundheits- und Infektionsmediziner nun wegen einer unsichtbaren Bedrohung Alarm: kontaminiertes und verseuchtes Leitungswasser. Durch massiv beschädigte Rohrleitungen, Erdrutsche und die extreme Überlastung des städtischen Abwassernetzes besteht das akute Risiko, dass Fäkalien, Fäkalbakterien und gefährliche Schadstoffe direkt in das Trinkwassernetz gelangt sind. Wie die renommierte Infektiologin Rabia Asli Oezer im Gespräch mit der Tageszeitung Hurriyet eindringlich warnte, trügt der Schein im Alltag oft gewaltig: „Selbst wenn das Wasser klar aussieht und normal riecht, kann es gefährliche Krankheitserreger enthalten. Die Bevölkerung sollte sich auf keinen Fall auf optische Sauberkeit verlassen.“ Die Medizinerin betonte, dass die Aufnahme von kontaminiertem Leitungswasser schwere Magen-Darm-Infektionen, heftigen Durchfall und Erbrechen auslösen könne, während im schlimmsten Fall lebensbedrohliche Erkrankungen wie Ruhr, Typhus, Hepatitis A oder sogar Cholera drohen. Rabia Asli Oezer rät daher dringend dazu, bis zu einer eindeutigen Entwarnung durch die Gesundheitsbehörden für das Trinken und die Speisenzubereitung ausnahmslos abgefülltes Flaschenwasser zu nutzen.

Abkochen hilft nicht gegen chemische Schadstoffe und Schwermetalle
Hinsichtlich der Schutzmaßnahmen im Haushalt räumte die Expertin für Infektionskrankheiten mit weit verbreiteten Irrtümern auf und empfahl strikte Verhaltensregeln. „Abkochen ist eine sehr wirksame Methode, um viele krankheitserregende Bakterien, Viren und Parasiten im Wasser zuverlässig abzutöten“, erklärte Rabia Asli Oezer im Detail. Allerdings wies sie nachdrücklich darauf hin, dass chemische Rückstände und Salze durch Hitze nicht vernichtet werden können: „Schwermetalle, Salze und viele chemische Schadstoffe werden durch das Kochen nicht entfernt. Durch das Verdampfen des reinen Wassers kann sich deren Konzentration im Topf sogar noch gefährlich erhöhen. Besteht der Verdacht auf eine chemische Belastung, sollte selbst für das Aufbrühen von Kaffee oder Tee ausschließlich sicheres Flaschenwasser genutzt werden.“

Warnstufe Orange in 45 Provinzen und drohende Sturmböen
Unterdessen bleibt die Lage in weiten Teilen der Türkei extrem angespannt. Die staatliche Meteorologie-Behörde MGM hat in insgesamt 45 Provinzen amtliche Unwetterwarnungen herausgegeben, wobei für die Regionen Kocaeli, Yalova, Sakarya, Istanbul und Bursa die zweithöchste Warnstufe Orange gilt. Die Meteorologen rechnen mit erneuten Wolkenbrüchen sowie Sturmböen, die stellenweise Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde erreichen können. Nachdem die vorherigen Unwetter das öffentliche Leben, den Verkehr und die Energieversorgung in Istanbul zeitweise vollständig zum Erliegen gebracht hatten, bereiten sich die Rettungsdienste und Kommunen auf weitere flächendeckende Einsätze vor.
